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Die Küste von Neufundland in Ostkanada hat erhöhte Aufmerksamkeit erhalten, da sich eine Vielzahl unerwarteter Besucher gezeigt hatte. Seit Wochen treibt eine grosse Zahl von Eisbergen und auch Meereis vor der Küste der Inseln. Für Touristen und die Einheimischen bilden die Berge und das Eis eine imposante Kulisse für Bilder. Doch für die Seeleute und die International Ice Patrol sind die weissen Riesen ein Grund zum Gedankenmachen, da sie die Schifffahrtslinien und den Verkehr massiv bedrohen können.

Die Kleinstadt Ferryland ist zu einem Touristenmagnet geworden aufgrund der Eisberge vor der neufundländischen Küste. Diese überragen die Häuser bei weitem. Bild: Reuters
Die Kleinstadt Ferryland ist zu einem Touristenmagnet geworden aufgrund der Eisberge vor der neufundländischen Küste. Diese überragen die Häuser bei weitem. Bild: Reuters

Die Küste Neufundlands ist etwas stärker bevölkert als auch schon, sowohl an Land wie auch auf dem Wasser, sehr zur Freude von Touristen und zum Nachteil von Seeleuten. An den Küstenstrassen herrschte mehr Verkehr, weil die Menschen einen Blick auf Eisberge vor der Küste der Avalon-Halbinsel werfen wollten. Einer der grössten Berge sitzt zurzeit vor der Kleinstadt Ferryland fest. Doch was passiert mit den Bergen, wenn eine solche Situation eintritt? Nun, die Eisberge werden schmelzen… wahrscheinlich. Die wärmere Umgebung trifft die Eisgiganten von allen Seiten: warme Luft schmilzt das Eis von oben und das wärmere Wasser frisst den Berg von unten her auf. Das Schmelzwasser oben tropft und läuft in Risse und Spalten und trägt so zum Auseinanderbrechen bei -  etwas, das auch beim Riesenberg vor Ferryland bereits geschehen ist. Bisher hatten die kalten Wasser- und Lufttemperaturen den Möchtegerneisbergjägern auf der Avalon-Halbinsel gute Gelegenheiten für Bilder gegeben. „Es war ein gigantischer Eisberg, der so nahe lag, dass die Leute ihn leicht fotografieren konnten“, erklärt der Bürgermeister von Ferryland, Adrian Kavanagh. „Es war der Grösste, den ich jemals hier gesehen habe.“

Was gut für den Tourismus von Ferryland ist, lässt Angstschweiss auf der Stirn der Leute der Schiffsverkehrskontrolle entstehen. Bild: CTV News
Was gut für den Tourismus von Ferryland ist, lässt Angstschweiss auf der Stirn der Leute der Schiffsverkehrskontrolle entstehen. Bild: CTV News

Ein toller Anblick für die Touristen ist aber gleichzeitig ein Ärgernis für die Schifffahrtsindustrie. Zu dieser Jahreszeit sollten normalerweise rund 80 Eisberge rund um die Grand Banks treiben. Doch Ende April zählte die International Ice Patrol der US Küstenwache mehr als 480 Eisberge. Diese Zahl entspricht normalerweise etwa Ende Mai oder Anfang Juni. Gabrielle McGrath, Leiterin der International Ice Patrol, sagt, dass sie für dieses Jahr die Gesamtzahl der Eisberge, die einen Einfluss auf den nordatlantischen Schiffsverkehr haben dürften, bei weitem die letztjährige Marke von 687 übertreffen wird bis zum Ende der Saison im September. Dies wäre dann das vierte aufeinanderfolgende Jahr der Extreme. Schon 2016 begann ungewöhnlich früh und wurde am Schluss „Iceberg Alley“ genannt. Die International Ice Patrol, die für die Überwachung des Schiffsverkehrs und Eis zuständig ist, wurde nach dem Untergang der „Titanic“, die ja vor 105 Jahren in dieser Region untergegangen war, gegründet. Und die kanadische Küstenwache hat eine Sonderwarnung für die Region ausgegeben.

Die Karte zeigt deutlich die grosse Zahl an Eisbergen, die entlang der neufundländischen Küste treiben. Diese Berge werden danach entweder abschmelzen oder wegtreiben und eventuell zu einer Bedrohung für den Schiffsverkehr. Bild: The Weather Network
Die Karte zeigt deutlich die grosse Zahl an Eisbergen, die entlang der neufundländischen Küste treiben. Diese Berge werden danach entweder abschmelzen oder wegtreiben und eventuell zu einer Bedrohung für den Schiffsverkehr. Bild: The Weather Network

Es bestehen verschiedene Theorien, warum zurzeit mehr Eisberge in die Schiffsrouten hineintreiben. Ganz sicher gehören Winde und Klimawandel zu den Faktoren. McGrath vermutet, dass der verheerende Sturm, der St. John vor einigen Wochen verwüstet hatte, Bewegung in die ganze Sache gebracht hat. Denn durch das aufgebrochene Meereis konnten die Berge hinabtreiben, angetrieben durch veränderte Windrichtungen. Ob noch weitere Berge die Kameras und Augen der Touristen erfreuen werden, hängt von den spezifischen Wettersystemen ab, die noch kommen werden. „Die Entstehungsorte der starken Winde müssen sich mit der Eisbergquelle überschneiden, und das ist an der Küste Labradors,“ erkläret die Meteorologin Nadine Hinds-Powell vom Weather Network. „Aber zurzeit nehmen Winde aufgrund eines umfangreichen Tiefdruckgebietes im Mittelatlantik mit Richtung Norden zu. Daher werden die Eisberge, die bereits hier sind, erwischt und nicht diejenigen, die noch im Nordatlantik treiben.“

Quelle: The Weather Network, CTV News