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Die Energieversorgung nach Longyearbyen ist ein heisses Eisen in der Klimadebatte. Die Ortschaft ist die grösste auf Svalbard und das administrative Zentrum des norwegisch verwalteten Archipels im Arktischen Ozean. Heute bezieht Longyearbyen seine Elektrizität und seine Wärme vom einzigen Kohlekraftwerk Norwegens im Ort. Doch Skandinaviens grösste unabhängige Forschungsorganisation hat herausgefunden, dass die Zukunft Svalbards grün und nachhaltig sein könnte.

Longyearbyen, das 1906 vom US-Amerikaner John Munroe Longyear gegründet worden war, verdankt seine Entstehung der Kohle, die in den umliegenden Hügeln gefunden wurde. Über die Jahre wurden insgesamt 7 Minen in die Hügel gegraben, um die Kohle abzubauen und zu verschiffen. Bild: Sysselmann
Longyearbyen, das 1906 vom US-Amerikaner John Munroe Longyear gegründet worden war, verdankt seine Entstehung der Kohle, die in den umliegenden Hügeln gefunden wurde. Über die Jahre wurden insgesamt 7 Minen in die Hügel gegraben, um die Kohle abzubauen und zu verschiffen. Bild: Sysselmann

Das Kraftwerk Longyearbyens, das einzige kohlenbetriebene Norwegens, produziert jährlich rund 40 Tonnen CO2 pro Bewohner, was rund viermal mehr dem Durchschnitt pro Festlandeinwohner entspricht, inklusive dem Ausstoss der Ölindustrie. Diese Situation hat zu Reaktionen sowohl von Seiten der Umweltschützer wie auch von Seiten der Politiker geführt. Im Rahmen der Debatte über nachhaltige Alternativen haben sich einige Politiker für ein Ersetzen des Kohlekraftwerkes durch ein Kabel zwischen der Ortschaft und Festland ausgesprochen: Ein 1‘000 km langes Kabel, welches den Überschuss von Wind- und Wasserkraftwerken Norwegens nach Svalbard bringen soll. Eine neue Studie, die von der skandinavischen SINTEF durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass das Verschiffen der überschüssigen Energie in Form von flüssigem Wasserstoff statt via Kabel zu Einsparungen von bis zu € 11,2 Millionen führen könnte. Die geschätzten Kosten beinhalten den Bau eines elektrochemischen Kraftwerks in Longyearbyen. Ein solches Kraftwerk könnte mithilfe von Kraftstoffzellen aus dem Wasserstoff Elektrizität gewinnen, und zwar emissionslos.

Das erste Spezialschiff für flüssigen Wasserstoff ist bereits gebaut worden. Die Forscher von SINTEF haben ausgerechnet, dass Svalbard die erste Zero-Emissions-Ortschaft der Welt werden könnte, dank dem Wasserstoff, der vom Festland aus verschifft werden könnte. Bild: SINTEF / Kawasaki Heavy Industries
Das erste Spezialschiff für flüssigen Wasserstoff ist bereits gebaut worden. Die Forscher von SINTEF haben ausgerechnet, dass Svalbard die erste Zero-Emissions-Ortschaft der Welt werden könnte, dank dem Wasserstoff, der vom Festland aus verschifft werden könnte. Bild: SINTEF / Kawasaki Heavy Industries

Die Firma ABB schätzt, dass ein einziges Kabel zum Festland rund € 340 Millionen kosten würde, ein zuverlässigeres Doppelkabel sogar €550 Millionen. Um den Energiepreis von Wasserstoff zu erreichen müsste das Kabel auch Offshore-Installationen in der Barentssee erreichen, erklärt der Projektleiter von SINTEF, Anders Ødegård. Mehrere Teilnehmer der Diskussion haben einen ähnlichen Standpunkt. „Aber Svalbard benötigt eine langfristige Lösung. Es macht wenig Sinn, von einigen Ölplattformen abhängig zu sein, die nur einige Jahrzehnte existieren. Unsere Resultate zeigen klar, dass es wichtig ist, Svalbards zukünftige Energielieferungen auf einer breiten Basis zu planen und nicht nur auf ein Kabel als einzige Null-Emissions-Lösung zu setzen“, erklärt Ødegård. In einem der Zukunftsszenarien von SINTEF würde Svalbard sogar selber Energie zurückliefern, die aus Sonnenkraftwerken produziert worden ist. Beim herannahenden Winter würde dann aber auf Wasserstofflieferungen gewechselt, der vom Festland geliefert wird. Ødegård hebt hervor, dass jede weitere Diskussion um Svalbards Energiesituation auch andere Alternativen beinhalten sollte, zum Beispiel Geothermie und auch Kohle-produzierte Energie, wobei Kohlenstoff aufgefangen wird und gelagert. „Das Kraftwerk von Longyearbyen wurde eben erst aufgewertet und seine Lebensdauer um 20 Jahre verlängert. Von der Klimaperspektive aus gesehen, ist der Betrieb mit solch hohen Emissionen undenkbar und daher ist es unumgänglich, schon jetzt über die Energiezukunft von Svalbard zu sprechen“, erklärt Ødegård.

Zwei Kohlenminen sind auf Svalbard immer noch in Betrieb. Eine davon produziert Kohle für Longyearbyen, während die andere, Sveagruva, für den Kohleexport genutzt worden ist. Bild: Erlend Berge
Zwei Kohlenminen sind auf Svalbard immer noch in Betrieb. Eine davon produziert Kohle für Longyearbyen, während die andere, Sveagruva, für den Kohleexport genutzt worden ist. Bild: Erlend Berge

Sollte die gesamte Elektrizität Longyearbyens durch das Wasserstoffkraftwerk erzeugt werden, würde es eine Krone (ca. €0.11) pro Kilowattstunde weniger kosten als der durch das Kabel transportierte Strom. Dies geht aus den Resultaten des Berichts des SINTEF hervor. „Würden wir den importierten Wasserstoff mit lokal produziertem Solarstrom kombinieren, könnten weitere 0.2 Kronen pro Kilowattstunde und Einwohner gespart werden“, meint Ødegård dazu. Nimmt man den gegenwärtigen Verbrauch, würde die Umsetzung dieser Kombination zu einer Einsparung von rund NOK 100 Millionen (€ 10.5 Millionen) führen, wenn der Wasserstoffimport statt der reinen Kabellösung eingeführt würde. Denn eines ist klar: Die Kohelnproduktion liegt in den letzten Zügen. „Wir sind davon ausgegangen, dass Svalbard seinen Bergbau mit neuen Industriezweigen von etwa derselben Höhe ersetzen wird. Dadurch haben wir die gesamte Studie auf die gegenwärtigen Verbrauchswerte basiert“, erklärt Jonas Martin, ein deutscher Student am SINTEF, der die Berechnungen unter Anleitung von SINITEF Forschern durchgeführt hatte. Die Studie hat neben Wassertoff und Solarstrom auch die Umsetzung von Windkraft zur Energiegewinnung betrachtet. Doch diese Lösung wird sogar teurer als das Kabel und würde auch aus naturschützerischen Aspekten wohl durchfallen. Svalbards Zukunft mit Wasserstoff basiert aber auch auf vielen technischen Faktoren und auf einem kompetitiven Preis für Wasserstoff, wenn er in Norwegen produziert werden wird.

Longyearbyen ist sehr stark von Elektrizität abhängig, da es im Winter für mehrere Monate komplett dunkel wird. Bild: Michelle van Dijk
Longyearbyen ist sehr stark von Elektrizität abhängig, da es im Winter für mehrere Monate komplett dunkel wird. Bild: Michelle van Dijk

Quelle: SINTEF