Als kleine Flügelschnecke im Südpolarmeer ist das Leben nicht einfach. Überall lauern Fressfeinde, die abgewehrt werden müssen. Dazu produzieren die Tiere chemische Stoffe. Doch grössere Flohkrebse, die eine wichtige Rolle in der antarktischen Nahrungskette spielen, kidnappen die kleinen Schnecken und nehmen sie Huckepack als Schutzschild gegen Fische. Dieses Verhalten war bisher nur bei Arten in Küstenbereichen bekannt. Nun haben AWI-Forscher dasselbe Verhalten bei Hochseearten im Südpolarmeer entdeckt.

Das Südpolarmeer ist nicht eine leere Wasserwüste. Unter der Oberfläche treiben unzählige kleine Organismen in den produktivsten Zonen der Welt. Dazu gehören vor allem Flokrebse und Krill. Bild: Michael Wenger
Das Südpolarmeer ist nicht eine leere Wasserwüste. Unter der Oberfläche treiben unzählige kleine Organismen in den produktivsten Zonen der Welt. Dazu gehören vor allem Flokrebse und Krill. Bild: Michael Wenger

Im Südpolarmeer gehören Flohkrebse zu der bevorzugten Beute von Fischen und kleinen Seevögeln. Auch Flügelschnecken gehören zu den häufigeren Arten von wirbellosen Tieren, die Forschern bei Probennahmen ins Netz gehen. Da sie eine wichtige Rolle im Ökosystem übernehmen, werden sie unter anderem von Dr. Charlotte Havermans vom Alfred-Wegener-Institut untersucht. Bei einer Expedition im Südsommer von Dezember 2016 bis Februar 2017 machte sie eine erstaunliche Entdeckung: „Einige Flohkrebse hatten etwas Merkwürdiges auf ihrem Rücken. Bei näherem Hinsehen erkannte ich: Sie trugen Flügelschnecken Huckepack“, berichtet die Biologin. Eine Literaturrecherche ergab, dass US-amerikanische Wissenschaftler dieses Verhalten bereits im Jahr 1990 beschrieben hatten – allerdings ausschließlich für hochantarktische Küstengewässer und nicht für das offene Südpolarmeer, wo die Polarstern unterwegs war. „Wir fragten uns, ob diese Tandems im offenen Ozean ebenso häufig wie in den Küstengewässern vorkommen - und ob beide Tiere von dieser Beziehung profitieren“, berichtet Charlotte Havermans. Im küstennahen McMurdo Sound trugen die meisten der untersuchten Flohkrebse einen Schnecken-Rucksack. Doch ob immer eine Schneckenart zu einer Krebsart gehört, ist nicht bekannt.

Der grössere Flohkrebs hält mit zwei Hinterbeinen die kleinere Flügelschnecke fest und nutzt so ihre Abwehrwolke gegen Fressfeinde. Doch viele Fragen bleiben noch offen. Darunter auch, ob die Schnecke davon einen Vorteil hat. Bild Charlotte Havermans
Der grössere Flohkrebs hält mit zwei Hinterbeinen die kleinere Flügelschnecke fest und nutzt so ihre Abwehrwolke gegen Fressfeinde. Doch viele Fragen bleiben noch offen. Darunter auch, ob die Schnecke davon einen Vorteil hat. Bild Charlotte Havermans

Spannend sind die Erkenntnisse, die das Forschungsteam bezüglich des Nutzens für die Tiere gewonnen hat. Verhaltensbeobachtungen an freilebenden Flügelschnecken zeigen, dass Antarktisdorsche und andere Räuber durch die von den Schnecken produzierten chemischen Stoffe abgeschreckt werden. Wenn nun Flohkrebse Flügelschnecken als „Geiseln“ nehmen werden sie durch deren Gifte offenbar nicht beeinträchtigt, können aber Fressfeinde abschrecken. Denn die Dorsche lernen, dass Flohkrebse mit Rucksack nicht schmecken und meiden diese, wenn sie eine Flügelschnecke auf dem Rücken tragen. Da die Situation im offenen Polarmeer anders als in Küstenökosystemen ist, bleiben viele Fragen offen: Ob die dort häufig vorkommenden räuberischen Tintenfische oder Laternenfische ebenfalls chemisch abgeschreckt werden, ist bisher nicht untersucht. Wie groß der energetische Vorteil einer Mitfahrgelegenheit für die Flügelschnecken ist, ist ebenfalls offen. Die Forscher beobachteten, dass die Schnecken von zwei Beinpaaren der Flohkrebse so fixiert werden, dass es sie beim Fressen behindert. Und aktiv dort nach Futter zu suchen, wo geeignete Nahrung anzutreffen ist, können sie schon gar nicht. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen würde ich sagen, dass die Amphipoden die Flügelschnecken entführen“, resümiert Charlotte Havermans augenzwinkernd.

Antarktisdorsch ist ein Oberbegriff für Barschartige, die in den Gewässern südlich der Konvergenzlinie vorkommen. Viele sind Tiefseebewohner und an das eiskalte Wasser angepasst. Sie ernähren sich u.a. von Flohkrebsen. Bild: Zureks/Wikipedia
Antarktisdorsch ist ein Oberbegriff für Barschartige, die in den Gewässern südlich der Konvergenzlinie vorkommen. Viele sind Tiefseebewohner und an das eiskalte Wasser angepasst. Sie ernähren sich u.a. von Flohkrebsen. Bild: Zureks/Wikipedia

Quelle: Alfred-Wegener-Institut