Narwale sind scheue und geheimnisvolle Meeressäugetiere. Wissenschaftler wissen nur wenig über ihre Lebensart und ihr Verhalten aufgrund ihrer geographischen Verbreitung. Als wahre Eisliebhaber verbringen Narwale die meiste Zeit ihres Lebens an der Packeiskante in der hohen Arktis. Nur bei wenigen Gelegenheiten schwimmen sie an die Küstenbereiche heran. Jetzt hat ein internationales Forschungsteam ein überraschendes und scheinbar widersprüchliches Verhalten entdeckt. Auf der Flucht vor Menschen zeigen Narwale weder eine Starre noch eine Flucht: Sie machen beides.

Narwale nennt man auch „Einhörner der Meere“ aufgrund ihres langen Stosszahnes, der ein erweiterter Zahn ist. Diese Meeressäuger leben in der hohen Arktis nahe der Eiskante, wo sie Fische fangen. Bild: Michael Wenger
Narwale nennt man auch „Einhörner der Meere“ aufgrund ihres langen Stosszahnes, der ein erweiterter Zahn ist. Diese Meeressäuger leben in der hohen Arktis nahe der Eiskante, wo sie Fische fangen. Bild: Michael Wenger

Narwale haben ähnliche physiologische Antworten wie ein Tier, welches vor Angst erstarrt ist: verlangsamter Herzschlag, Atmung und Stoffwechsel, ähnlich wie ein „Reh im Scheinwerferlicht“. Doch diese tieftauchenden Säuger treiben das Ganze noch einen Schritt weiter: Sie reduzieren ihren Herzschlag auf bis zu drei Schläge pro Minute während 10 Minuten und dafür schlagen sie mit ihren Schwanzflossen bis zu 25-mal pro Minute bei einem Fluchttauchgang. Zu diesen Resultaten gelangte ein internationales Forscherteam.  „Das war absolut faszinierend für uns, weil es zwar Säugetiere mit einem so niedrigen Herzschlag gibt, aber nicht für eine solch lange Dauer und vor allem nicht, während sie so schnell schwimmen, wie sie nur können“, meint Terry Williams, Biologin an der Universität Kalifornien, Santa Cruz. Bis dato wurde eine so kostenintensive Flucht nur nach einer langen Interaktion mit Menschen beobachtet. Normalerweise flüchten Narwale vor Räubern wie Orcas indem sie heimlich unter das Eis schwimmen oder sich in untiefe Bereiche begeben, sagt Williams weiter. Doch die Begegnungen mit Menschen, was im Zuge des Klimawandels häufiger geschehen wird, könnte die Rechnung verändern. „Wenn Narwale Menschen entdecken, tauchen sie häufig ab und verschwinden spurlos“, meint Kristin Laidre, Ökologin der Universität Washington in Seattle und Spezialistin für arktische Meeressäuger.

Die Forscher haben spezifische Geräte zur Messung von Herzschlag, Tiefe und anderen physikalischen und physiologischen Parametern benutzt. Die Geräte wurden mit Saugnäpfen an den Rücken der Tiere befestigt. Die Karte rechts zeigt das Studiengebiet in Ostgrönland.
Die Forscher haben spezifische Geräte zur Messung von Herzschlag, Tiefe und anderen physikalischen und physiologischen Parametern benutzt. Die Geräte wurden mit Saugnäpfen an den Rücken der Tiere befestigt. Die Karte rechts zeigt das Studiengebiet in Ostgrönland.

Williams und ihre Kollegen taten sich mit einheimischen Jägern in Ostgrönland zusammen, um Narwale mit Netzen zu fangen. Dann befestigten sie Überwachungsgeräte an den Rücken und liessen die Tiere wieder frei. Das Team verfolgte die Flossenschläge und die kardiovaskuläre Antwort der Narwale nach ihrer Freisetzung und berechnete, wieviel Energie die Tiere für ihre Fluchttauchgänge benötigten. Bei normalen Tauchgängen reduzieren Narwale ihren Herzschlag auf 10 bis 20 Schläge pro Minute, um Sauerstoff zu sparen während sie länger unter Wasser bleiben. Diese normalen Tauchgänge sind für die Jagd und benötigen keine grossen Anstrengungen. Doch bei Fluchttauchgängen, nachdem sie für eine Stunde und mehr in einem Netz gefangen waren, „gingen die Herzschläge auf drei bis vier Schläge pro Minute zurück und zwar während 10 Minuten“, sagt Williams. Die Narwale wurden dabei beobachtet, wie sie nach der Flucht mehrere Tauchgänge auf Tiefen zwischen 45 – 473 Meter unternahmen. Für die Flucht verwendeten die Narwale auch sechsmal mehr Energie als im Ruhemodus. Die Autoren der Studie berechneten, dass die panische Fluchtversuche, gepaart mit der „Herzstarre“, massiv und schnell die Sauerstoffvorräte der Tiere in den Lungen, im Blut und in den Muskeln aufbrauchen, bis zu 97 Prozent im Vergleich mit 52 normalen Tauchgängen in ähnliche Tiefen und mit ähnlichen Dauern. . „Es besteht die Sorge in unserer Gruppe, dass dies die Biologie der Tiere über ihre Leistungsfähigkeit hinaus jagt“, meint Williams besorgt. Da die menschlichen Aktivitäten in der Arktis zunehmen, besteht eine grössere Wahrscheinlichkeit für solche potentiell schädlichen Fluchtantworten bei Narwalen. Die Tiere könnten auch anderen Mensch-verursachten Störungen stärker ausgesetzt sein wie beispielsweise seismische Untersuchungen, Jagd und Lärm durch erhöhten Schiffsverkehr. Die Forscher planen jetzt herauszufinden, ob diese Aktivitäten dieselben Fluchtreaktionen hervorrufen und ob diese extreme Reaktion auf lange Zeit die Gesundheit der Tiere schädigt. Auf jeden Fall zeigt diese Studie hier „einen neuen physiologischen Blickwinkelüber die Verwundbarkeit von Narwalen auf menschliche Störungen, die durch den Meereisverlust sehr wahrscheinlich zunehmen werden“, sagt Laidre abschliessend. Ein besseres Verständnis des menschlichen Einflusses auf Narwale ist essentiell für den Schutz dieser Art, fügt sie an.

Narwale werden immer noch legal gejagt von den Inuit als Teil ihrer Nahrung und ihrer Kultur. Doch die Regierungen haben klare Abschussgrenzen gesetzt, um die Meeressäuger vor der Überfischung zu schützen.
Narwale werden immer noch legal gejagt von den Inuit als Teil ihrer Nahrung und ihrer Kultur. Doch die Regierungen haben klare Abschussgrenzen gesetzt, um die Meeressäuger vor der Überfischung zu schützen.

Quelle: Maria Quintanilla, Science News