Der König der Arktis hat ein breites Nahrungsspektrum. Durch die Weite der Region und das harsche Klima, benötigen Eisbären eine energiereiche Nahrungsquelle, die meist aus Robben und ihrer dicken Fettschicht besteht. Aber Robben sind nicht die einzigen Bewohner mit einer leckeren Fettschicht, die sie vor der Kälte schützt. Auch die anderen marinen Säugetiere, Wale und Delfine, haben Fett als Isolationsmaterial. Doch wie kann ein Eisbär ein rein aquatisches Tier jagen? Eine Gruppe von norwegischen Forschern hat zufälligerweise die Antwort dazu gefunden und ein bisher unbekanntes Verhalten beobachten können.

Eisbären führen ein schwieriges Leben in den Regionen der Arktis.  Sie sind auf eine energiereiche Ernährung angewiesen, um ihre Körperfunktionen aufrechterhalten zu können. Und in der Arktis sind Fettschichten die beste Art, um Energie zu speichern und gleichzeitig Schutz vor Wärmeverlust zu garantieren. Daher sind Eisbären konstant auf der Suche nach Beute, die dicke Speckschichten besitzen. Auf ihrer Suche wandern Bären normalerweise der Kante des arktischen Meereises entlang, wo sie nach Robben, ihrer bevorzugter Beute, Ausschau halten. Auf dem Svalbard-Archipel sind die Bären aber auch häufig an der nördlichen und östlichen Küstenregion unterwegs auf der Suche nach Nahrung.

Der Eisbär, der von Aars und seinen Kollegen angetroffen wurde, war ein altes Männchen und klar unterernährt, wie man den sichtbaren Rippen erkennen kann. Der Delfinkadaver war  noch beinahe intakt, nur die wertvolle Speckschicht fehlte.
Der Eisbär, der von Aars und seinen Kollegen angetroffen wurde, war ein altes Männchen und klar unterernährt, wie man den sichtbaren Rippen erkennen kann. Der Delfinkadaver war noch beinahe intakt, nur die wertvolle Speckschicht fehlte.

Dieses Verhalten macht es Forschern leichter, Eisbären zu finden, wenn sie versuchen, die Lebensweise von Eisbären zu untersuchen, beispielsweise durch Markierungen und Wiedereinfang, um so mehr über die Wanderungen und die Routen zu erfahren. Auf Spitzbergen wird unter der Leitung des norwegischen Polarinstituts eine jährliche Zählung durchgeführt unter Zuhilfenahme von Schiffen und Hubschraubern. Auf einem solchen Erkundungstrip traf ein Team um den Wissenschaftler John Aars auf ein bisher unbekanntes Verhalten von Eisbären auf Svalbard: die Jagd auf Weissschnauzendelfine, eine kleine Meeressäugerart, die normalerweise an der Westküste Spitzbergens jagen.

Aars und sein Team fand einen alten, unternährten Eisbären am Rand eines zugefrorenen Fjords im Norden der Hauptinsel Spitzbergen. Beim Annähern erkannte die Gruppe, dass der Bär sich gerade an einem kleinen Kadaver gütlich getan hatte, der sich als Weisschnauzendelfin entpuppte. Der Kadaver lag neben einem Loch im Eis und der Bär war daran, den Kadaver mit Eis und Schnee zu bedecken, ein weiteres seltenes Verhalten. Da keine weiteren Öffnungen zu sehen waren, schlossen die Forscher daraus, dass es sich um ein Atemloch handeln musste, welches von Delfinen offengehalten worden war. Etwas weiter entfernt fanden die Wissenschaftler noch einen weiteren Kadaver, der aber beinahe komplett abgenagt war.

Ungefähr 3‘000 Eisbären wandern auf dem Gebiet Svalbards und der nördlichen Barentssee. Obwohl sie potentiell über auf den Inseln sein können, wandern die meisten Bären der Küste entlang, um ihre Beute zu finden. Bild: Michael Wenger
Ungefähr 3‘000 Eisbären wandern auf dem Gebiet Svalbards und der nördlichen Barentssee. Obwohl sie potentiell über auf den Inseln sein können, wandern die meisten Bären der Küste entlang, um ihre Beute zu finden. Bild: Michael Wenger

Der Eisbär wurde betäubt und vom Forscherteam untersucht. Aus ihren Untersuchungen an Bär und Delfin schlossen Aars und sein Team, dass der Bär die Delfine erlegt hatte und sie aus dem Wasser gezogen haben muss. Es sind bisher nur wenige Sichtungen bekannt, wo Eisbären an Atemlöcher kleinere Walarten gejagt haben, nachdem diese von Meereis eingeschlossen worden waren.

Eisbären fressen normalerweise zuerst die nahrhafte Speckschicht, bevor sie andere Teile nehmen. Interessanterweise wird das Muskelfleisch zuletzt gefressen, da seine Verdauung sehr viel Energie in Form von Wärme verbraucht. Nachdem ein Eisbär seinen Bauch gefüllt hat, bedeckt er die Überreste mit Eis und Schnee, um sie vor anderen Plünderern zu schützen.
Eisbären fressen normalerweise zuerst die nahrhafte Speckschicht, bevor sie andere Teile nehmen. Interessanterweise wird das Muskelfleisch zuletzt gefressen, da seine Verdauung sehr viel Energie in Form von Wärme verbraucht. Nachdem ein Eisbär seinen Bauch gefüllt hat, bedeckt er die Überreste mit Eis und Schnee, um sie vor anderen Plünderern zu schützen.

Jon Aars meint, dass bisher nichts darüber bekannt war, dass Eisbären Delfine jagen würden, da diese nur selten so weit in den Norden kommen und nicht angepasst sind an ein Leben am Eis. Ausserdem seien Delfine sehr schnelle Schwimmer und nur sehr schwer zu fangen, sogar an einem kleinen Atemloch. Doch die beiden Delfine auf Spitzbergen waren nicht die einzigen Individuen. Weitere Kadaver wurden im Verlauf des Sommers gefunden, die meisten in diesem Fjord. Aars und sein Team folgern daraus, dass eine oder mehrere Gruppen von Delfinen im Eis eingeschlossen worden waren, darauf ertrunken oder erstickt waren und an die Küste gespült wurden, wo die Überreste von Eisbären und Eisfüchsen gefunden worden sind. «Delfine könnten für einige lokale Bären eine signifikante Nahrungsquelle darstellen im Verlauf der Zeit, vor allem nach einem solchen Vorfall», stellt Aars fest. «Weissschnauzendelfine könnten eine neue Beute oder Kadaverbeute für Bären in der Zukunft darstellen. Denn ihre Umwelt verändert sich und traditionelle Beute wie Ringelrobben oder Bartrobben könnten in naher Zukunft verschwinden.»

Quelle: Polar Research (2015), Ausgabe 34