Mit dem Wegschmelzen des arktischen Meereises öffnen sich neue Schifffahrtswege durch Gebiete, die bisher unberührt waren. Damit könnte ein Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Naturschutz entstehen, an dessen Ende nur Verlierer stehen werden. Um die Risiken für die einzelnen Arten besser abschätzen zu können, hat eine internationale Forschungsgruppe alle sieben Meeressäugerarten untersucht und eine Risikobeurteilung erstellt. Wie erwartet schneiden Wale am schlechtesten ab, Eisbären dagegen besser, Robben liegen dazwischen.

Alle Meeressäugetiere der Arktis wie beispielsweise die Bartrobben sind aufgrund von Nahrungsangebot und Ruheplätze auf das Packeis angewiesen. Der erhöhte Schiffsverkehr scheint aber nicht alle Bewohner gleich stark zu beeinträchtigen. Bild: Michael Wenger
Alle Meeressäugetiere der Arktis wie beispielsweise die Bartrobben sind aufgrund von Nahrungsangebot und Ruheplätze auf das Packeis angewiesen. Der erhöhte Schiffsverkehr scheint aber nicht alle Bewohner gleich stark zu beeinträchtigen. Bild: Michael Wenger

In den letzten Jahrzehnten sind viele Gebiete der Arktis durch den Klimawandel immer früher und länger eisfrei geworden. Weil aufgrund des gegenwärtigen Standes eine Besserung kaum in Sicht ist, wird der Schiffsverkehr durch den Arktischen Ozean zunehmen. Das resultierende Risiko für die arktischen Meeresbewohner wie Wale, Robben und Eisbären ist nun durch eine erste Studie der Universitäten Washington und Alaska Fairbanks untersucht und in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht worden. „Wir wissen aus wärmeren Regionen, dass Schiffe und Wale sich nicht gut vertragen. Und doch werden wohl immer mehr Schiffe auch durch diese sehr sensible Region fahren“, erklärt Hauptautorin Donna Hauser, Assistenzprofessorin an der Universität Alaska Fairbanks. „Sogar mitten über den Nordpol zu brausen könnte in ein paar Jahrzehnten Realität werden. Dadurch stellt sich die Frage, wie wirtschaftliche Entwicklung erlaubt und gleichzeitig die arktischen Meeresbewohner geschützt werden können.“

Die Studie untersuchte neben Robben und Eisbären auch das Risiko für Wale. Das Resultat: Narwale sind am stärksten gefährdet, Eisbären am wenigsten. Bild: Michael Wenger
Die Studie untersuchte neben Robben und Eisbären auch das Risiko für Wale. Das Resultat: Narwale sind am stärksten gefährdet, Eisbären am wenigsten. Bild: Michael Wenger

Die Studie betrachtete insgesamt 80 Subpopulationen der sieben arktischen Meeressäugetiere und bestimmte ihr Risiko entlang oder nahe der Schiffsrouten im September, wenn am wenigsten Eis im arktischen Ozean zu finden ist. 42 der Subpopulationen sind dem Schiffsverkehr ausgesetzt in dieser Zeit und mithilfe des Masses an potentieller Störung und spezifischer Charakteristiken bestimmten die Wissenschaftler, welche die am stärksten gefährdetet Art ist. Dabei fanden die Forscher heraus, dass Narwale die am gefährdetste Art sei. Diese Tiere wandern durch einige der am stärksten befahrenen Wasserwege wie beispielsweise die Nordwestpassage auf dem Weg von und zu ihren Sommergebieten. «Narwale haben alle Merkmale, die sie für Störungen durch Schiffe anfällig machen: Sie bleiben in ganz spezifischen Gebieten, sind sehr unflexibel in er Wahl ihrer Sommeraufenthaltsorte, leben nur in rund einem Viertel der gesamten Arktis und  bewegen sich mitten in den Schifffahrtswegen», erklärt Mitautor Kristin Laidre, Polarwissenschaftlerin an der Universität Washington. «Ausserdem sind sie sehr Geräusch-orientiert und bekannterweise scheu und reagieren sehr sensibel auf alle möglichen Arten von Störungen.» Zu den anderen Säugetieren, die stärker bedroht sind, gehören die Belugas und die Grönlandwale. Walrosse zählen auch dazu, da einige der Subpopulationen eher klein sind und nahe an Schiffsrouten vorkommen. Dagegen sind Bart- und Ringelrobben weniger gefährdet, weil ihre Zahl grösser und die Tiere weiter verbreitet sind. Gemäss den Resultaten der Studie sind Eisbären am wenigsten stark gefährdet, da sie sich vor allem im September an Land aufhalten. Ausserdem sind sie nicht von Unterwassergeräuschen abhängig. Doch an anderen Monaten sind die Tiere durchaus stärker gefährdet, gemäss der Studie.

Eisbären verbringen einen Grossteil ihres Lebens auf dem Meereis. Doch gerade Mütter mit ihren Jungen sind häufig an den Küsten auf der Suche nach Nahrung zu finden, wenn die Jungen noch zu klein zum Schwimmen sind. Bild: Michael Wenger
Eisbären verbringen einen Grossteil ihres Lebens auf dem Meereis. Doch gerade Mütter mit ihren Jungen sind häufig an den Küsten auf der Suche nach Nahrung zu finden, wenn die Jungen noch zu klein zum Schwimmen sind. Bild: Michael Wenger

Neben dem Gefährdungsgrad identifizierte die Studie auch Flaschenhälse, enge Meeresgebiete, an denen Tiere und Schiffe am ehesten aufeinandertreffen. Dazu zählen die Beringstrasse und der Lancaster Sund im Osten Kanadas. In diesen Gebieten sind die Risiken für Konflikte zwei- bis dreimal höher als auf anderen Schiffsrouten. «Diese Flaschenhälse werden von wandernden Arten benutzt, um in und aus dem Arktischen Ozean zu gelangen. Gleichzeitig gilt dies natürlich auch für Schiffe auf ihrem Weg durch die Arktis,» meint Hauser weiter. «Daher ist es wichtig, die relativen Risiken zu kennen, wenn man Strategien zur Vermeidung von Konflikten erstellen will.» Die internationale Schifffahrtsorganisation IMO hatte im letzten Mai die ersten internationalen Richtlinien für den Schiffsverkehr in der Arktis erlassen. Die freiwilligen Richtlinien wurden von Russland und den USA eingebracht, um sichere Wege durch die Beringstrasse aufzustellen. Die neue Studie könnte dabei helfen, weitere zukünftige Richtlinien zu erlassen, die verschiedenen Massnahmen zum Schutz der Tiere zu gewichten und weitere Regionen zu identifizieren, die man untersuchen muss. Denn der Druck auf den Arktischen Ozean steigt mit jedem Jahr.

Quelle: Hannah Hickey, Universität Washington