Forschenden des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung ist es erstmals gelungen, die historische Entwicklung nordsibirischer Lärchenwälder in den zurückliegenden 9000 Jahren zu rekonstruieren. So konnten sie bestimmen, welche Faktoren die Verbreitungsgrenzen verschiedener Lärchenarten und damit auch die Kohlendioxid-Aufnahmekapazität der Wälder ausmachen - eine Frage mit unmittelbarer Relevanz für mögliche zukünftige Verschiebungen der Verbreitungsgebiete der Lärchen. Demnach entscheidet nicht die Lufttemperatur allein darüber, welche der drei sibirischen Lärchenarten in einer Region dominiert. Ausschlaggebender ist der biologische Wettbewerb zwischen den Arten, sowie die Frage, welche Art diese Fläche historisch als erste besiedelt hat. Die neue Studie erscheint heute im Fachmagazin „Scientific Reports“.

Die sibirische Taiga, die weite Teile des hohen Nordens Russlands ausmacht, ist von Lärchenwäldern bedeckt. Zwischen Seen und Sümpfen haben sich die Lärchen ausgebreitet und dominieren das arktische Ökosystem. Bild: Stefan Kruse, AWI
Die sibirische Taiga, die weite Teile des hohen Nordens Russlands ausmacht, ist von Lärchenwäldern bedeckt. Zwischen Seen und Sümpfen haben sich die Lärchen ausgebreitet und dominieren das arktische Ökosystem. Bild: Stefan Kruse, AWI

Sibirien ist auf einer Fläche von mehr als 2,6 Millionen Quadratkilometer von Lärchenwäldern bedeckt, das ist die siebenfache Fläche Deutschlands. Diese Wälder beeinflussen das Klima der Erde maßgeblich. Zum einen nehmen die Abermilliarden Bäume große Mengen Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre auf und speichern es. Zum anderen verringern die Wälder das Rückstrahlvermögen der Erdoberfläche. Wo Bäume wachsen, wird ein deutlich kleinerer Teil der Sonneneinstrahlung reflektiert als in der meist schneebedeckten Tundra. Eine Antwort auf die Frage, inwieweit die sibirischen Lärchenwälder den Kohlenstoffkreislauf und das Klima der Erde künftig beeinflussen werden, hängt demzufolge auch davon ab, ob sie sich im Zuge des Klimawandels erwartungsgemäß Richtung Norden ausbreiten werden und welche Lärchenart dann dominieren wird. Die schnellwachsende Sibirische Lärche (Larix sibirica) zum Beispiel entzieht der Atmosphäre deutlich effektiver CO2 als die langsam wachsende Dahurische Lärche (Larix gmelinii). „Aussagen zur Zukunft der sibirischen Lärchenwälder scheiterten bislang daran, dass wir wenig über die historische Ausbreitung der verschiedenen Lärchenarten wussten, denn mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden ließen sich Pollen oder andere Überreste der einzelnen Arten nicht voneinander unterscheiden“, sagt Erstautorin Prof. Dr. Laura Epp. In dem Projekt ist es jetzt erstmals gelungen, die Ausbreitung und Dichte verschiedener Lärchenarten in sibirischen Wäldern entlang der arktischen Baumgrenze für die zurückliegenden 9000 Jahre zu rekonstruieren. Dazu extrahierten die Forscher mit einer neuen Methode entsprechend alte Lärchen-DNA aus Bodenproben, welche sie bei Sedimentkernbohrungen in zwei Seen auf der russischen Taimyr-Halbinsel gewonnen hatten.

Die Lärchen, die auf der Taimyr-Halbinsel im russischen Norden wachsen, sind zwar miteinander verwandt, weisen aber trotzdem grosse Unterschiede in ihren Ansprüchen und Wachstumsraten auf. Bild: Laura Epp, AWI
Die Lärchen, die auf der Taimyr-Halbinsel im russischen Norden wachsen, sind zwar miteinander verwandt, weisen aber trotzdem grosse Unterschiede in ihren Ansprüchen und Wachstumsraten auf. Bild: Laura Epp, AWI

Die genetischen Daten lassen nun Schlussfolgerungen darüber zu, in welchem Jahrhundert welche Lärchenarten in der näheren Umgebung der Seen wuchsen, wie dicht diese Wälder waren und in welchem Konkurrenzverhältnis die Arten zueinander standen – eine Analyse, wie sie bislang nur in wenigen Forschungslaboren der Welt möglich ist. Als die Wissenschaftler diesen Verbreitungsdatensatz mit den Klimadaten jener Zeit verglichen, machten sie eine überraschende Entdeckung. Entgegen der bisherigen Annahme bestimmte nicht das Klima die Entwicklung und Artenzusammensetzung der Wälder, sondern viel entscheidender waren die Historie und der Wettbewerb der Lärchen untereinander. Diese Erkenntnis stellt die bisherige Vorstellung von der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Klima und Wald auf den Kopf. „Unsere Studie zeigt, dass wir im Hinblick auf den zukünftigen Klimawandel nicht mehr einfach davon ausgehen können, dass eine Erwärmung sofort dazu führt, dass angestammte Baumarten verschwinden und sich Arten mit einer Vorliebe für höhere Temperaturen ausbreiten“, sagt Mitautorin Prof. Dr. Ulrike Herzschuh, Paläoökologin am AWI. „Stattdessen gilt es zu bedenken, welche Arten schon da sind, wie diese die Ansiedlung neuer Arten behindern und wie sich langfristig die Konkurrenzverhältnisse verschieben müssen, bevor die vom Klimawandel bevorteilte Art tatsächlich die Oberhand gewinnen kann.“ In der Vergangenheit haben die Lärchenwälder Sibiriens stets mit einer Zeitverzögerung von mehreren Jahrhunderten oder auch Jahrtausenden auf Klimaveränderungen reagiert. Eine ähnliche Entwicklung erwarten die Wissenschaftler der AWI-Forschungsgruppe "Polare Terrestrische Umweltsysteme" nun auch für die Zukunft. Bestätigen konnten die Wissenschaftler diese zeitverzögerte Reaktion durch Simulationen der Waldentwicklung mit einem neuen Modell für Lärchenpopulationen. Dieses Modell wollen die AWI-Forscher nun weiterentwickeln, um schon bald detaillierte Aussagen zur künftigen Ausdehnung und Zusammensetzung der sibirischen Lärchenwälder treffen zu können. Klima-Prognosen sagen für den hohen Norden Sibiriens steigende Temperaturen und eine zunehmende Trockenheit voraus. Den Lärchenwäldern stehen also große Veränderungen bevor.

Durch den Klimawandel werden auch die Lärchenwälder der Taiga grosse Veränderungen erfahren. Doch mit den neuen Resultaten scheint zumindest eines klar: Die Bäume verschwinden nicht und hinterlassen eine leere Tundra. Bild: Laura Epp
Durch den Klimawandel werden auch die Lärchenwälder der Taiga grosse Veränderungen erfahren. Doch mit den neuen Resultaten scheint zumindest eines klar: Die Bäume verschwinden nicht und hinterlassen eine leere Tundra. Bild: Laura Epp

Quelle: Alfred-Wegener-Institut AWI