Die Eisdecke der Arktis ist auf bestem Wege, sich aufgrund des Klimawandels aufzulösen. Sowohl die Menge wie auch die Dicke des arktischen Meereises nehmen von Jahr zu Jahr ab. Dies hat für alle Bewohner dramatische Konsequenzen, vor allem durch den Verlust des angestammten Lebensraumes. Doch nun scheint eine weitere Gefahr durch den Meereisverlust zu drohen: ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Eine Forschungsgruppe der Universität British Columbia in Kanada hat verschiedene Krankheitserreger in arktischen Tieren gefunden, die normalerweise dort nicht auftreten.

Mit dem Sarcocystis pinnipedi-Parasiten befallene Ringelrobben sind verantwortlich für die Weiterverbreitung des Parasiten.
Mit dem Sarcocystis pinnipedi-Parasiten befallene Ringelrobben sind verantwortlich für die Weiterverbreitung des Parasiten.

Auf dem diesjährigen Treffen der AAAS (Amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften) haben Michael Grigg und Stephen Raverty von der Meeressäugerforschungsgruppe der Universität British Columbia (UBC) ihre Resultate zum Thema «Ausbreitung von Krankheitserregern in einer schmelzenden Arktis» vorgestellt. Sie erklärten, dass aufgrund der „grossen Schmelze" in der Arktis eine niemals zuvor zu beobachtende Bewegung von Krankheitserregern zwischen der Arktis und den südlicheren Breitengraden festgestellt werden konnte. «Eis ist eine massive natürliche Barriere für Pathogene», erklärt Michael Grigg, der als Molekularparasitologe am Nationalen Gesundheitsinstitut der USA und als Assistenzprofessor an der UBC arbeitet. «Was wir hier sehen, ist die Freisetzung von Erregern, die so Zugang zu neuen, anfälligen Tierarten erhalten und dort verheerenden Schaden anrichten». Konkret geht es um zwei Studien, bei denen neue Krankheitserreger in Populationen von Tieren entdeckt wurden, die niemals zuvor dort aufgetreten waren.

Der Parasit S. pinnipedi ist ein neu entdeckter Erregerstamm, der jetzt in den noch ungeschützten Robbenpopulationen im Süden wütet, u.a. bei Kegelrobben. Bild: Charles Caraguel
Der Parasit S. pinnipedi ist ein neu entdeckter Erregerstamm, der jetzt in den noch ungeschützten Robbenpopulationen im Süden wütet, u.a. bei Kegelrobben. Bild: Charles Caraguel

Parasiten, die von Nord nach Süd wandern

In einem dramatischen Fall wurden 2012 auf der Hay Island bei Nova Scotia an der Ostküste von Kanada 406 tote Kegelrobben gefunden. Die Tiere starben an einem Parasiten, der normalerweise nur bei Ringelrobben weiter nördlich auftritt und gegen den diese eine gewisse Immunität hätten, erklärt Grigg weiter. Dem Parasiten wurde nun der Name Sarcocystis pinnipedi gegeben und er verursacht eine Art von Hepatitis, an der die Robben verendet waren.

Zyste mit Sarcocystis pinnipedi, Bild: Michael Grigg
Zyste mit Sarcocystis pinnipedi, Bild: Michael Grigg

Gemäss der Hypothese von Grigg und seinem Team, sei durch das Abschmelzen des Meereises eine physikalische Schlüsselbarriere weggefallen, die vorher nördliche und südliche Tierarten getrennt hätte. Da aber sich die Gewässer nun erwärmen und Tiere aus dem Süden den nach Norden wandernden Fischschwärmen folgen, vermischen sich die Robbenarten – und verteilen auch ihre Krankheitserreger an die jeweils anderen Tierarten. «Kegelrobben, die zu diesen nach Norden wandernden Arten gehören, bilden eine anfällige Population, die zuvor noch nie diesem Parasiten ausgesetzt waren. Nicht nur Robben sind Opfer dieses Parasiten. Es gibt auch dokumentierte Fälle von Walrossen und sogar Grizzlybären, die in British Columbia lebten, bei denen dieser Parasit gefunden wurde», erklärt Grigg weiter. Auch Eisbären und sogar Hawaiianische Mönchsrobben seien befallen. Bereits 2004 wurde ein seltener Steller'sche Seelöwe im Westen von Alaska tot aufgefunden, verendet an einer Sarcocystis pinnipedi Infektion.

Quelle: University of British Columbia www.ubc.ca