pn en

Das sommerliche Minimum ist noch nicht erreicht, doch schon jetzt bedeckt das Meereis in der Arktis nur noch eine Fläche von 4,35 Millionen Quadratkilometern. Nordost- und Nordwestpassage sind bereits weitgehend eisfrei. Zwar wird es nach Einschätzung von Wissenschaftlern der Universität Hamburg AWI dieses Jahr keinen Negativrekord geben, doch der generelle Abwärtstrend bestätigt sich.

Luftaufnahme des deutschen Forschungsschiffes Polarstern bei der Fahrt durch arktisches Meereis. Der Forschungseisbrecher befindet sich gerade auf einer Expedition in die zentrale Arktis. Bild: Stefan Hendricks, AWI
Luftaufnahme des deutschen Forschungsschiffes Polarstern bei der Fahrt durch arktisches Meereis. Der Forschungseisbrecher befindet sich gerade auf einer Expedition in die zentrale Arktis. Bild: Stefan Hendricks, AWI

«Entgegen anderslautenden Prognosen stellen wir fest: Das Arktiseis erholt sich nicht», sagt Prof. Lars Kaleschke vom Exzellenzcluster für Klimaforschung CliSAP der Universität Hamburg, der die Entwicklung anhand von Satellitendaten verfolgt. «Nur noch 4,35 Millionen Quadratkilometer des Arktischen Ozeans sind aktuell mit Eis bedeckt. Das ist bereits jetzt weniger als die Minimumwerte von 2013 und 2014. Ihren Höhepunkt erreicht die sommerliche Schmelze aber voraussichtlich erst in einer Woche.» Das Meereis der Arktis gilt als kritisches Element im Klimageschehen und als Frühwarnsystem für die globale Erwärmung. In den 1970er und 1980er Jahren lagen die sommerlichen Minimumwerte noch bei durchschnittlich rund 7 Millionen Quadratkilometern.

«Die Entwicklung ähnelt dem Verlauf von 2007. Das diesjährige sommerliche Minimum könnte sich also etwa bei 4,2 Millionen Quadratkilometern einstellen», schätzt Dr. Marcel Nicolaus vom AWI (siehe Grafik 1). Der Negativrekord aus dem Jahr 2012 von 3,4 Millionen Quadratkilometern würde damit nicht unterschritten, aber es wäre der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Satellitenbeobachtungen in den 1970er Jahren. Wie genau der Wert eines Jahres ausfällt, hängt allerdings auch von der kurzfristigen Wettersituation ab.

Der Negativrekord aus dem Jahr 2012 von 3,4 Millionen Quadratkilometern wird vermutlich nicht unterschritten, aber es wäre der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Satellitenbeobachtungen.
Der Negativrekord aus dem Jahr 2012 von 3,4 Millionen Quadratkilometern wird vermutlich nicht unterschritten, aber es wäre der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Satellitenbeobachtungen.

Im Juli dieses Jahres liess beispielsweise ein Hochdruckgebiet über dem Nordpol den Wind dort im Uhrzeigersinn zirkulieren, erklärt Lars Kaleschke. Durch die resultierende Eisbewegung habe sich in der Beaufortsee ein relativ dicker „Eisarm“ von der kompakten Eisfläche gelöst. Sollte dieser durch seine isolierte und südlichere Lage nun womöglich ganz aufschmelzen, würde dies die Gesamtfläche laut Kaleschke weiter deutlich verringern. Schon jetzt ist eine Schiffspassage auch diesen Sommer wieder auf beiden Routen möglich, die Nordost- und die Nordwestpassage sind weitgehend eisfrei.

Entwicklung der Meereisausdehnung im September, dem jährlichen Minimum, in der Arktis seit 1972. Grafik: Marcel Nicolaus, AWI
Entwicklung der Meereisausdehnung im September, dem jährlichen Minimum, in der Arktis seit 1972. Grafik: Marcel Nicolaus, AWI

Doch um die Gesamtmenge des Meereises in der Arktis zu beurteilen, muss auch die Dicke berücksichtigt werden. Nur so lässt sich feststellen, ob das Meereis insgesamt weniger geworden ist oder zusammengeschoben wurde. «Die besten arktisweiten Abschätzungen der Meereisdicke erhalten wir derzeit von den Satelliten CryoSat-2, vor allem für dickes Eis, und von SMOS, vor allem für neues und dünnes Meereis. Allerdings funktionieren die Verfahren bislang nicht im Sommer, wenn Schmelztümpel die Eislandschaft in der Arktis dominieren», sagt Marcel Nicolaus.

Karte der Arktis mit Eisarm in der Beaufortsee. Dargestellt ist die Eiskonzentration aus JAXA AMSR2-Satellitendaten am 1. September 2015, eine 15-Jahre (1992-2007) Klimatologie der September-Eisausdehnung in rot sowie verschiedene mögliche Seewege (Nordost- und Nordwestpassagen) in blau.
Karte der Arktis mit Eisarm in der Beaufortsee. Dargestellt ist die Eiskonzentration aus JAXA AMSR2-Satellitendaten am 1. September 2015, eine 15-Jahre (1992-2007) Klimatologie der September-Eisausdehnung in rot sowie verschiedene mögliche Seewege (Nordost- und Nordwestpassagen) in blau.

Deshalb arbeiten Wissenschaftler auf dem Forschungsschiff Polarstern zurzeit gemeinsam daran, Vergleichsdaten für die Eisdicke in den arktischen Sommermonaten zu gewinnen. Stefan Hendricks vom AWI berichtet von Bord: «Das Eis ist zurzeit ähnlich dick wie in den Vorjahren. In den letzten Tagen hat es viel geschneit, so dass die Schollen bereits mit einer 20 Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt sind. Im Vergleich zu 2012 ist dies eine dickere und frühere Schneebedeckung.» Was problematisch werden könnte: Schnee wirkt wie eine Isolierschicht, fällt mehr Schnee als üblich, wächst das Eis im Winter langsamer.

Hendricks und Kollegen werden in den nächsten Tagen die Eisdicken mit einer Schleppsonde messen, die per Helikopter über das Eis geflogen wird. Sie bringen autonome Messsysteme aus, die auch nach der Expedition noch Schnee- und Eis-Daten via Satellit direkt in die Institute senden. Diese Feldmessungen helfen, neue Rechenmethoden zu überprüfen.

Quelle: AWI, Bremerhaven