Die kanadische Arktis ist nicht nur ein Naturparadies. Auch geschichtlich hat die Region enorm viel zu bieten. Die Gewässer zwischen Grönland und Kanada waren lange Zeit auch ein beliebtes Walfanggebiet. Jedoch sind nur wenige Relikte aus dieser Zeit entdeckt worden. Nun haben Wissenschaftler der Universität Calgary ein verlorengeglaubtes schottisches Walfangschiff entdeckt: die Nova Zembla, die 1902 bei eine Sturm in der Baffin Bay untergegangen war. Der Fund ist ein archäologischer Glücksfall und erweitert das Wissen um Walfang aus dieser Zeit enorm.

Die Baffin Bay, die zwischen Kanada und Westgrönland liegt, ist ein bekanntes und beliebtes Ziel der Walfänger gewesen. Doch die eisigen und gefährlichen Bedingungen hatten hohe Opfer gefordert, nicht nur an den Walen. Bild: Michael Wenger
Die Baffin Bay, die zwischen Kanada und Westgrönland liegt, ist ein bekanntes und beliebtes Ziel der Walfänger gewesen. Doch die eisigen und gefährlichen Bedingungen hatten hohe Opfer gefordert, nicht nur an den Walen. Bild: Michael Wenger

Zwei Forscher des Arktis-Instituts von Nordamerika der Universität Calgary haben das Wrack eines schottischen Walfangschiffes geortet, welches 1902 während eines Sturms in einem Fjord in der Baffin Bay untergegangen war. Die Entdeckung der als HMS Nova Zembla identifizierten Schiffes ist von grosser archäologischer und historischer Bedeutung, da es was erste Walfangschiffswrack in der kanadischen Arktis ist. Die Forscher, Dr. Matthew Ayre und Dr. Michael Moloney vom Institut, starteten ihre Suche nach der Nova Zembla Ende August. Von dem Wrack hatte Dr. Ayre im Rahmen seiner Doktorarbeit erfahren, als er historische Meereisveränderungen in der Arktis mithilfe von alten Logbüchern untersucht hatte. In den Aufzeichnungen der Begleitschiffe Diana und Eclipse, die damals mit der Nova Zembla unterwegs gewesen waren und die Mannschaft der letzteren nach dem Untergang gerettet hatten, waren detaillierte Beschreibungen des Wracks. Zusammen mit alten Zeitungsberichten und Interviews der Mannschaftsmitglieder, stellte Dr. Ayre ein genaues Suchraster zusammen. Nachdem er seinen Kollegen Dr. Michael Moloney, einen Meeresarchäologen, dazugeholt hatte, konnten die beiden die wahrscheinliche Fundstelle auf einen Umkreis von rund 5 Quadratkilometer eingrenzen. Zusätzliche Hilfe kam von Dr. Ravi Darwin Sankar, einem Geomorphologen am Institut, der auf Satellitenaufnahmen des Quadranten eine Anomalie in der Grösse des gesuchten Walfangschiffes ausmachen konnte. „Das Ganze spricht wirklich für eine multidisziplinäre Zusammenarbeit hier am Arktis-Institut“, meint Ayre. „Ich bin Historiker und Geograf, der zufälligerweise mit einem Unterwasserarchäologen und einem Geomorphologen, der Satellitenaufnahmen verwendet, zusammenarbeitet. Das ist eine seltene Kombination und wenn wir unsere Fähigkeiten zusammenlegen, können wir Dinge erreichen, die wir alleine nicht schaffen würden.“

Die Nova Zembla war eines von fünf Schiffen, welches zu Beginn des 20 Jhd. zwischen Kanada und Grönland unterwegs war, um Wale zu jagen. Aufgrund eines Entscheidungsfehlers des unerfahrenen Kapitäns während eines Sturmes sank das Schiff in einem Fjord in der Baffin Bay und wurde vergessen. Bild: Kenn Harper Collection
Die Nova Zembla war eines von fünf Schiffen, welches zu Beginn des 20 Jhd. zwischen Kanada und Grönland unterwegs war, um Wale zu jagen. Aufgrund eines Entscheidungsfehlers des unerfahrenen Kapitäns während eines Sturmes sank das Schiff in einem Fjord in der Baffin Bay und wurde vergessen. Bild: Kenn Harper Collection

Überzeugt, sie würden das Wrack ausmachen, kamen Ayre und Moloney mit der königlich-kanadischen Geographischen Gesellschaft zusammen und konnten an Bord eines Expeditionskreuzfahrtschiffes von One Ocean, welches eine Fahrt in er Baffin Bay im Programm hatte, eine Unterkunft und Zusammenarbeit organisieren. Mithilfe einer Drohne und einen ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug, mit dem sie Sonarbilder erstellen konnten, hatten die Forscher Erfolg und konnten das Wrack ausmachen. Dabei war auch das Glück auf ihrer Seite, da sie wegen Wind und hohen Wellen nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung hatten bei der Suche. Als nächstes folgen weitere Auswertungen der Sonaraufnahmen. Auf diesen sind nach ersten Angaben der Anker des Schiffes auszumachen. Die Bilder der Drohne zeigten Holzplanken am Strand, die ähnlich wie solche, die für die Aufbauten der Nova Zembla verwendet worden waren. Moloney und Ayre haben die Absicht, im nächsten Jahr ihre Arbeit an dieser neuen archäologischen Stelle wiederaufzunehmen. „Wir möchten nächstes Jahr zurückkommen und eine umfangreiche Untersuchung starten“, erklärt Moloney. „Aus archäologischer Sicht ist das sehr aufregend, weil bisher nie zuvor ein schottisches Walfangschiffswrack entdeckt worden ist. Dies könnte uns die Möglichkeit geben, das Leben an Bord eines Walfangschiffes zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Wie wird das mit den historischen Aufzeichnungen zusammenpassen? Das Ganze wird ein mehrjähriges Projekt, das uns helfen wird, die Geschichte des Walfangs in der Arktis besser zu verstehen.“ Matthew Ayre fügt hinzu: „Noch nie hat jemand die Walfanggeschichte aus dieser Perspektive untersucht. Es ist eine wichtige Entdeckung mit einem riesigen Potential.“

Die beiden Forscher Dr. Michael Moloney (links) und Dr. Matthew Ayre (rechts) strahlen ob ihrem Fund. Diesewr könnte helfen, mehr über den Walfang in der Arktis zu verstehen. Bild: Javier Frutos, Canadian GeographicQuelle: Heath McCoy, Universität Calgary
Die beiden Forscher Dr. Michael Moloney (links) und Dr. Matthew Ayre (rechts) strahlen ob ihrem Fund. Diesewr könnte helfen, mehr über den Walfang in der Arktis zu verstehen. Bild: Javier Frutos, Canadian GeographicQuelle: Heath McCoy, Universität Calgary